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Mario Ludwig und Freunde: Hilfe für Sachsen, Reisebericht

Der Bericht von unserem Wochenendeinsatz (23. bis 25. August 2002) zum "Aufräumen" in Schlottwitz / Müglitztal (Sachsen) ist immer noch in der Entwicklung begriffen. Es gibt weiterhin viel zu tun, sowohl vor Ort bei den Aufräumarbeiten als auch an der Website. Aber wie der Russe sagt: Budet, Budet Budet, Budet.


Im Laufe der Zeit haben sich einige Änderungen, Ergänzungen und Korrekturen ergeben. Diese habe ich nachträglich aufgrund von Hinweisen von Lesern, aber auch eigenen Recherchen eingefügt. Damit diese als "nachträglich eingefügt" erkennbar werden, habe ich diese in Indigo eingefärbt.


Ich möchte nicht verhehlen, daß wir nach dem Einsatz – oder eigentlich schon nach Erreichen des Zielgebietes – schwer betroffen waren ob des Ausmaßes der Schäden. So etwas hatten wir bisher nicht erlebt, und es war uns auch aus den Fernsehbildern nicht im Voraus vorstellbarer geworden. Mehrere Flutwellen in einer Höhe von jeweils vielen Metern (genau weiß es keiner, ca. 3-6 m schätzt man) durchrasten das ansonsten stille Müglitztal. Jede davon ohne Vorwarnung, weil sich der Freistaat Sachsen die Freiheit genommen hatte, die dringenden Warnungen mehrerer Wetterfrösche (Kachelmann und andere, die sogar eine Benachrichtigung der Bevölkerung per Lautsprecherwagen angeregt hatten, in Anbetracht der schlimmen Ereignisse bezüglich ausgebliebener Vorwarnung bei dem Tornado in Berlin vor einigen Tagen sehr nachvollziehbar und löblich) zu ignorieren mit der Begründung, die eigenen Rückhaltebecken und Talsperren und Deiche im potentiellen Zielgebiet seien mehr als ausreichend. Den zuständigen Staatssekretär im sächsichen Innenministerium möchten inzwischen einige Leute – auch aus dem Müglitztal – sprechen, nur leider ist er derzeit nicht erreichbar. Vermutlich hat er bereits einen neuen verantwortungsvollen Posten auf dem Archipel Gulag oder in Longyearbien/Spitzbergen bezogen und verwaltet jetzt das Balzverhalten der Regenwürmer. Oder untersucht das Geschlechtsleben der linksdrehenden Pflastersteine. Oder sowas in der Art.

Was dann kam, war das nackte Grauen: binnen 2 Stunden ergossen sich stellenweise 4/5-tel der gesamten JAHRES(!)-Menge an Niederschlag (bis zu 450 Liter/qm) auf den Erzgebirgskamm. Da der Regen in Schüben kam, durchraste die erste (kleinste) Welle das Tal mit etwa 1,50 m Höhe um 2 Uhr nachts und hinterließ bei der Bevölkerung den Eindruck, man könne gefahrlos die Schäden inspizieren und mit dem Aufräumen beginnen. Wenige Minuten Einige Stunden später kam dann die Hauptwelle (als direkte Folge des gebrochenen Rückhaltebeckens Prießnitztal, Inhalt 50 000 m3 Wasser, der Bruch erfolgte um 16:30 Uhr am Montag, den 12. August 2002) , die wohl stellenweise bis 6 m Höhe erreicht hat (zumindest in den Engstellen des Tals und in den Schluchten, wo aber zum Glück niemand wohnt und gerade weder Auto noch Zug fuhren aufgrund der Uhrzeit) und alles wegspülte, was nicht niet- und nagelfest war. Alle halten es für ein Wunder, daß dabei keine Personen weggespült oder verletzt wurden (Leider gab es doch mehrere Tote im Müglitztal, mein tiefempfundenes Beileid an die betroffenen Familien und Angehörigen) . Nur einige Beispiele: auf dem Firmengelände der "MBS Schlottwitz GmbH", dem wir zum Aufräumen zugeteilt waren, lagen von der kürzlichen Anlieferung einer neuen CNC-Maschine noch die "Verpackungsteile" zum Abtransport herum. Es waren das: 3 Betonplatten, 30 cm dick x 2 Meter breit x 3 Meter lang (Gewicht jeweils viele Tonnen). Diese wurden alle in den Fluß gespült und lagen mehrere Hundert Meter weiter unten in den Bäumen herum. Ebenso wurden viele stählerne Straßenlaternen ("Peitschenmasten") fein säuberlich um nahestehende Bäume oder Hausecken gewickelt, eine Stahlschranke des Bahnübergangs chirurgisch sauber aus den Fundamenten geschnitten und ebenso schön aufgewickelt, die Gleise auf Hunderte von Metern unterspült und neu "verlegt", die Straße auf mehrere Kilometer Länge einfach fortgespült, die Stahlbeton-Brücken zerlegt und neu angeordnet usw. usf. Die Rückhaltebecken und Talsperren, die übrigens erst viel weiter unten am Fluß liegen, wurden entweder sofort überflutet oder einfach weggerissen. Die erwähnten Dämme waren dem Charakter nach eher Spielzeugdämme, da sie 1 m – 1,50 m hoch waren, also auf Jahrzehnt-Hochwasser ausgelegt, nicht aber Jahrhundert- oder – wie das aktuelle eines war – Jahrtausendhochwasser. Wir haben deren Überreste (Betonplatten 2 x 3 Meter, aber nur 10 cm dick) aus dem Bachbett geholt und aufgestapelt.

Die Bevölkerung saß dann frierend und geschockt auf den Hausdächern und wurde per Hubschrauber evakuiert. Das klappte hier auch – im Gegensatz zu anderen Tälern oder in Weesenstein etwas weiter talwärts – sehr schnell und zuverlässig. Nach einigen Tagen kehrten die ersten Bewohner zurück, allerdings noch ohne Strom, Telefon, Gas, Wasser. Der Strom kam gerade wieder, als wir da waren, am Samstag (den 24. August 2002) Abend. Auch hier wieder keinerlei Information der Bevölkerung über die immensen Gefahren, die damit verbunden sind. Man muß vorher unbedingt die im Garten herumliegenden herausgerissenen Stromkabel einsammeln, sonst gibt es Kurzschlüsse und gegrillte Gartenbesucher. Ebenso alle Styroporverkleidungen und Holzpaneele und ähnliches vom Herd nehmen, sollte er grad eingeschaltet gewesen sein, als das Wasser kam (und das waren trotz der nächtlichen Stunde einige, da ja nach der ersten Welle alle wach waren und geköchelt haben), sonst fängt es ganz schnell an zu kokeln.

Die Wasserversorgung wird wohl noch einige Wochen brauchen bis zu endgültigen Wiederherstellung, und das Telefon ist sicherlich noch eine der kleinsten Sorgen. Handys funktionieren ja. Die Notwasserversorgung muß als mangelhaft bezeichnet werden (betreffend Menge und Verfügbarkeit), wenn auch vorhanden in Form von Tankwagen der Bundeswehr. Gebadet und geduscht wird derzeit (Stand Samstag 24. August 2002) in den Seen, die das abfließende Wasser zurückgelassen hat. Man bekommt dabei eine schön ölig-braune Haut – wie dazumals Siegfried, nur halt leider nicht so unverletzbar – von den inhaltlichen überresten der Hunderte im Wasser treibenden Öltanks, dem Schlamm und den sonstigen Industrierückständen, die der Fluß mitgespült hat. Vor Berührung des Faulschlamms mit bloßen Händen wird gewarnt, ich selbst habe auch merkwürdige Hautablösungen an den Fingerkuppen mitgenommen, nur ist das berührungsfreie Abtransportieren des Schutts recht beschwerlich. Man hörte, daß noch einige Medien, die der Ferntelekinese mächtig sind, gesucht werden. Wir übernachteten und duschten übrigens an einem nicht überschwemmten oder kontaminierten Waldsee, dem Heidemühlenteich.

Bemerkenswert auch die Orts(un)kenntnis des Krisenstabs in Dippoldiswalde – der zuständigen Kreisstadt –, wo wir uns zum Einsatz gemeldet hatten, und wo man uns via der Talstraße Glashütte nach Schlottwitz geschickt hatte. Wenige Meter nach dem Ortsausgang Glashütte endete die Straße in einer auch für unser Fahrzeug unpassierbaren Schlucht (siehe Bild DSCF0720.JPG), war also nicht mehr befahrbar wegen kurzfristiger Abwesenheit der Straße. Und so eine Fehl-Information mehr als eine Woche nach der Katastrophe! Wir haben inzwischen eine Erklärung dafür, daß mehrere Dutzend Helfer aus Gießen, die in Schlottwitz angekündigt und dort auch sehnlichst erwartet wurden, nie da ankamen. Wir trafen zum Glück einen einheimischen DRK-Helfer, der uns die einzige verbliebene Zufahrt nach Schlottwitz über den Berg und durch den Wald erläutern konnte. Und Dank GPS und sehr guter alter Karten (noch aus der DDR-Zeit) fanden wir diese dann auch unschwer.

Auch sehr schön die Aussage des Krisenstabs in Schlottwitz, wo wir um konkrete Arbeits-Zuteilung für unseren Hilfseinsatz baten. Eine Beauftragung durch den Krisenstab ist in Deutschland aus versicherungstechnischen Gründen nicht möglich, da dann der Bund unseren Einsatz versichern müßte, wofür entweder grad kein Formular oder kein Geld verfügbar waren (das hat der Leiter des Krisenstabs uns nicht im Detail erläutert, er war wirklich sehr im Streß und erfüllte seinen Job mit großer Sachkenntnis und Kompetenz). Wir mögen doch Privatpersonen oder Firmen ansprechen, ob die nicht was zu tun hätten. Das haben wir dann auch getan und wurden bereits bei seiner ersten Empfehlung, dem mittelständischen Maschinenbauunternehmen "MBS Schlottwitz GmbH" (übrigens eine mit sehr viel Liebe und Engagement gestaltete Homepage, die optisch und inhaltlich keine Wünsche offenläßt), mit offenen Armen und sehr gerührt vom Juniorchef Andreas Brand empfangen. Der Arbeitsauftrag lautete schlicht und einfach "das Flußbett und die Wege zwischen den Hallen aufräumen". Und beinhaltete dabei auch das Wegziehen und Zerteilen und Aufstapeln in hübschen Haufen von Bäumen, Rohren, T-Trägern, Ästen, Betonplatten, Stahlplatten, Haus- und Schuppendächern.

Das Essen wäre alleine ein guter Grund, nochmal wiederzukommen... Zu Essen gab es oberleckeres Wildbret (mangels anderweitiger Fleischversorgung – der Edeka hatte geschlossen – hatten die Jäger unter den Dorfbewohnern ein paar Rehe geschossen), Kartoffeln und Brote mit selbstgeschlachteter und -gemachter Hausmacherleberwurst und Salami. Eine echte Gaumenfreude! Zu tun ist jedenfalls noch genug. Schaun wer mal.

Es hat uns auf jeden Fall großen Spaß gemacht, vor Ort "richtig" helfen zu können. Durch unsere optimale Ausrüstung für den Katastropheneinsatz, unsere Vorbildung im Durchqueren schwieriger Terrains aus der Duisburg-Tamanrhasset-Douala-Kisangani-Nairobi – Tour 1990/1991 nebst einigen weiteren Afrika- und Skandinavien-Reisen (wer Interesse an diesem Reisebericht von der langen Afrika-Tour mit Bildern hat (nur auf CD, im HTML und JPG-Format), bitte eine Vormerkmail an mario_ludwig@lycos.de senden) und unseren unschlagbar guten Teamgeist waren wir zum Helfen doch recht gut gerüstet. Neben jeder Menge durchgeschwitzter T-Shirts gab es auch viel Spaß, Gemeinsamkeit, Zusammenhalt und das Gefühl, etwas vollbracht zu haben. Von so einem Hochwasser läßt sich Sachsen doch nicht unterkriegen (es war ja alles schon einmal da, 1928 und 1947 lassen schön grüßen)!

PS: Falls jemand noch nicht über mein neues Auto informiert sein sollte, hier eine schöne technische Beschreibung eines ähnlichen Fahrzeugs:

Michael Multerers Homepage